Kinderyoga in Kindertageseinrichtungen Ganzheitliche Förderung durch Bewegung, Achtsamkeit und Spiel
Von wissenschaftlichen Grundlagen zu praktischen Übungen
Einleitung
Bewegung, Entspannung und Achtsamkeit gehören zu den grundlegenden Entwicklungsbedingungen von Kindern. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass körperliche Aktivität, bewusste Ruhephasen und imaginative Erfahrungen gleichermaßen zur motorischen, kognitiven und sozial-emotionalen Entwicklung beitragen. In der pädagogischen Praxis wird jedoch deutlich: Viele Kinder bewegen sich zu wenig, sind innerlich unruhig oder haben Schwierigkeiten, mit sozialen Anforderungen umzugehen.
Kinderyoga kann in diesem Zusammenhang eine wertvolle Rolle einnehmen. Es verbindet spielerische Bewegung mit Elementen der Entspannung und Fantasie und bietet damit einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl im Gruppenalltag als auch in gezielten Angeboten eingesetzt werden kann. Dabei geht es nicht allein um das Erlernen einzelner Körperhaltungen, sondern um das Erleben des eigenen Körpers, um Selbstwahrnehmung, Konzentration und um Freude an Bewegung und Entwicklung sozialer Kompetenzen.
Für pädagogische Fachkräfte eröffnet sich durch die Integration von Yoga in den Kita-Alltag ein Handlungsfeld, das ohne hohen Materialaufwand und mit überschaubaren Zeitressourcen umgesetzt werden kann. Gleichzeitig profitieren Kinder von der Vielfalt der Anregungen: Sie erleben ihren Körper in Bewegung und Ruhe, stärken ihre Konzentrationsfähigkeit und entwickeln auf spielerische Weise Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Bewegung, Spiel und Achtsamkeit – ein theoretischer Rahmen
Yoga für Kinder ist kein „abgespecktes Erwachsenenyoga“, sondern eine eigenständige pädagogische Methode. Es verbindet Bewegung, Atmung, Konzentration und Fantasie in einer Weise, die den kindlichen Bedürfnissen entspricht.
Aus entwicklungspsychologischer Sicht wird durch Yoga insbesondere die Fähigkeit zur Selbstregulation gestärkt, also die Kompetenz, Gefühle, Verhalten und Aufmerksamkeit zu steuern (vgl. Blair & Diamond, 2008). Dies ist eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Bildungsprozesse. Ergänzend fördern die vielfältigen Körperhaltungen (Asanas) motorische Grundfertigkeiten wie Gleichgewicht, Koordination und Kraft (Erhorn, 2015).
Auch die Neurowissenschaft liefert hier wichtige Erkenntnisse. Studien zeigen, dass motorische Aktivität die neuronale Plastizität fördert – also neue Verknüpfungen im Gehirn entstehen lässt, die für Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Problemlösefähigkeit entscheidend sind (vgl. Diamond, 2013). Bewegung unterstützt somit nicht nur Muskeln und Gleichgewicht, sondern legt die Grundlage für sprachliches und kognitives Lernen.
Kinderyoga wirkt zudem auf sozial-emotionaler Ebene: Gemeinsame Übungen im Kreis, Partnerhaltungen oder Rollenspiele mit Tier-Asanas unterstützen Empathie, Rücksichtnahme und Kommunikation. Über imaginative Geschichten entstehen Fantasieräume, die Kindern Sicherheit und Orientierung geben, während sie zugleich ihre Kreativität entfalten können.
Damit leistet Kinderyoga einen Beitrag zu allen Bildungs- und Entwicklungsbereichen, die in den Orientierungsplänen der Bundesländer formuliert sind: Sprache, Motorik, Kognition, Emotionalität und soziale Beziehungen.
Die drei Formen – Erkunden, Üben und Spielen – gelten als zentrale Formen kindlichen Lernens. Kinderyoga integriert alle drei:
- Beim Erkunden probieren Kinder neue Körperhaltungen aus und erfahren ihre Möglichkeiten.
- Im Üben wiederholen sie Bewegungen, passen sie an und entwickeln motorische Sicherheit.
- Im Spiel entstehen Fantasiewelten. Etwa wenn sie als Löwen brüllen, als Schmetterlinge flattern oder als Bäume standhaft bleiben.
Selbstregulation und Resilienz
Ein zentrales Entwicklungsziel in der frühen Kindheit ist die Selbstregulation – die Fähigkeit, Gefühle, Verhalten und Aufmerksamkeit zu steuern. Sie gilt als Schlüsselfaktor für Bildungserfolg und psychosoziale Stabilität (Blair & Diamond, 2008). Gerade in Kitas wird sichtbar, wie unterschiedlich Kinder in dieser Fähigkeit sind: Manche können sich gut konzentrieren, andere lassen sich schnell ablenken oder reagieren impulsiv.
Kinderyoga bietet hier eine Möglichkeit, gezielt Unterstützung zu geben. Durch Atemübungen lernen Kinder, sich selbst zu beruhigen. Körperhaltungen vermitteln ihnen ein Gefühl von Stabilität und Stärke. Entspannungsphasen lassen sie spüren, wie sich bewusstes loslassen anfühlt. Diese Erfahrungen sind auch aus Sicht der Resilienzforschung bedeutsam: Kinder erleben Selbstwirksamkeit, entwickeln Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und lernen, Stress zu bewältigen.
Verankerung in Bildungsplänen
Die Bildungs- und Orientierungspläne der Bundesländer betonen durchweg die Bedeutung von Bewegung, emotionaler Kompetenz, Sprache und sozialem Lernen. Kinderyoga leistet Beiträge zu allen diesen Bereichen:
- Sprache: Kinder erweitern ihren Wortschatz durch Geschichten und Anleitungen.
- Motorik: Asanas fördern Grob- und Feinmotorik sowie Koordination.
- Kognition: Übungen erfordern Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit.
- Emotionalität: Kinder lernen, Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren.
- Soziale Beziehungen: Gemeinsame Rituale stärken Gemeinschaftsgefühl.
Damit ist Kinderyoga nicht nur eine nette Ergänzung, sondern fügt sich in den Kernauftrag frühkindlicher Bildung ein. Es unterstützt zentrale Entwicklungsbereiche, die im Rahmenplan verbindlich verankert sind, und bietet gleichzeitig praxisnahe Methoden, die Fachkräfte flexibel einsetzen können.
Pädagogische Chancen – auch für Fachkräfte
Kinderyoga wird oft auf seine Wirkung bei Kindern reduziert. Doch die Einführung von Kinderyoga in Kitas eröffnet sowohl für die Kinder als auch für die pädagogischen Fachkräfte zahlreiche Chancen.
- Konzentration und Aufmerksamkeit: Durch kurze Achtsamkeitsübungen oder einfache Atemtechniken lernen Kinder, innezuhalten und den Fokus neu auszurichten. Dies unterstützt Übergänge im Tagesablauf und erleichtert den Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe.
- Selbstvertrauen und Körperbewusstsein: In Asanas erfahren Kinder, dass sie ihren Körper bewusst steuern und neue Haltungen einnehmen können. Kleine Erfolgserlebnisse, z. B. im Balancieren oder Dehnen, stärken das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.
- Soziales Miteinander: Yogaübungen im Kreis oder in Partnerarbeit fördern Gemeinschaftsgefühl, Rücksichtnahme und Kooperation. Fachkräfte berichten, dass Kinder sich nach Yoga-Einheiten oft ruhiger und kooperativer in Gruppensituationen verhalten.
- Stressreduktion und Emotionsregulation: Gerade in Zeiten hoher Reizüberflutung gewinnen Kinder durch regelmäßige Entspannungssequenzen die Erfahrung, Spannung loszulassen und innere Ruhe zu entwickeln.
Darüber hinaus stärkt Kinderyoga die pädagogische Professionalität. Wer Rituale einführt, Räume gestaltet und Kinder achtsam begleitet, gewinnt Handlungssicherheit. Fachkräfte übernehmen die Rolle von Vorbildern, wenn sie selbst ruhig anleiten, empathisch reagieren und Bewegungen mitmachen.
Raumgestaltung als „dritter Erzieher“
Die Reggio-Pädagogik beschreibt den Raum als „dritten Erzieher“. Auch beim Kinderyoga spielt die Umgebung eine zentrale Rolle. Ein kleiner Teppichbereich, eine Nische oder ein Platz im Außengelände reichen aus – wichtig ist die Atmosphäre. Räume können beruhigen, Sicherheit vermitteln oder anregen. Wenn Kinder bestimmte Orte mit Ruhe und Ritualen verbinden, verknüpfen sie Bewegung und Achtsamkeit mit positiven Gefühlen.
Kinderyoga zeigt: Es braucht keine großen Umbauten. Viel entscheidender ist, wie Räume genutzt und mit Bedeutung gefüllt werden. Schon das Abdunkeln eines Bereichs oder das Verwenden einer Klangschale beim Beginn signalisiert: „Jetzt beginnt eine besondere Zeit.“
Die Rolle der pädagogischen Fachkraft
Pädagogische Fachkräfte begleiten die Kinder durch Vormachen, Anleiten und gemeinsames Erleben. Perfekte Körperhaltungen sind nicht das Ziel: Vielmehr steht die Freude an Bewegung und das Erleben und Erfahren von Körper und Geist im Mittelpunkt.
Eine ruhige, klare Sprache unterstützt den Prozess: „Stell dir vor, du bist ein starker Baum. Deine Wurzeln wachsen tief in den Boden. Kannst du so still stehen wie ein Baum im Wald?“ Solche Bilder machen Yoga für Kinder greifbar und regen die Fantasie an.
Praxisnaher Alltagseinsatz
Die Integration in den Kita-Alltag gelingt besonders gut, wenn mit kleinen Einheiten begonnen wird.
So kann eine Fachkraft im Morgenkreis den „Baum-Stand“ anleiten, bei dem die Kinder auf einem Bein balancieren. Diese Übung fördert nicht nur das Gleichgewicht, sondern schafft auch innerhalb kürzester Zeit eine konzentrierte Ruhe.
In turbulenten Phasen bewährt sich die „Summende Biene“. Die Kinder summen gemeinsam, während sie probieren, wie sich das Geräusch verändert, wenn sie die Ohren mit den Händen schließen. Schon nach wenigen Atemzügen entsteht eine spürbare Veränderung im Raum und innerhalb der Gruppe.
Auch die „Regenbogen-Atmung“ lässt sich leicht einbauen: Arme heben beim Einatmen, in einem Bogen senken beim Ausatmen und schon entsteht ein Moment der Ruhe und Verbundenheit.
Die Möglichkeiten sind vielfältig und auf jede Situation und Gruppenkonstellation anpassbar. Denn Kinderyoga ist kein starres Programm, sondern ein wertvolles, pädagogisches Konzept.
Kurze Sequenzen und ganze Einheiten
Wenn mehr Zeit zur Verfügung steht oder für Übergänge, können Fachkräfte kleine Yoga – Sequenzen von fünf bis zehn Minuten einbauen. Hier einige Anregungen:
- In der „Tier-Yoga-Reise“ schlüpfen Kinder nacheinander in die Rolle von Katze, Hund, Schlange oder Frosch. Solche Sequenzen machen Spaß und bauen auf kleine Geschichten auf. Sie bringen Bewegung und fördern zugleich motorische Fähigkeiten.
- Atemspiel „Kerze auspusten“: Kinder atmen bewusst ein und langsam aus, als würden sie Kerzen löschen. Fällt ihnen das noch schwer, können sie beim Ausatmen mit dem Zeigefinger mehrfach an ihre Lippen tippen und so die eigene Ausatmung spüren.
Darüber hinaus können Fachkräfte auch eine vollständige Yoga-Einheit gestalten. Hier ein Beispiel von ca. 30 – 45 Minuten, welches für Vorschulkinder geeignet ist:
- Einstieg (5 Min.)
Begrüßung im Kreis, gemeinsamer Yoga-Gruß („Namaste“ oder Hände aneinanderlegen)
Kurzes Ankommen mit einer Atemübung
- Aufwärmen (5 Min.)
Bewegungsspiel: „Tiere erwachen im Dschungel“ – Kinder bewegen sich frei, dehnen, strecken, hüpfen.
Oder der klassische Kinderyoga Sonnengruß als Start-Ritual
- Hauptteil (15 Min.)
Geschichte: „Reise in den Zauberwald“ Kinder schlüpfen in verschiedene Rollen aus der Natur und Tierwelt (Baum – standhaft, Löwe – kräftig, Schmetterling – leicht, Schildkröte – ruhig).
Partnerübung: „Brücke und Krabbler“ – ein Kind baut eine Brücke, das andere krabbelt darunter durch.
- Entspannung (5 Min.)
Fantasiereise: „Auf der Wolke schweben“
Kinder legen sich auf den Rücken, Augen geschlossen, hören eine kurze Geschichte und spüren in den Körper.
- Abschluss (5 Min.)
Gemeinsamer Kreis, kurzes Gespräch: „Wie fühlst du dich jetzt?“
Abschlussritual, z. B. Hände zusammen und ein leises „Om“ oder „Danke“.
Ausblick
Kinderyoga ist mehr als ein netter Zusatz im Kita-Alltag. Es ist ein pädagogisches Instrument, das auf vielfältigen Ebenen wirkt: Kinder erleben Balance zwischen Aktivität und Ruhe, sie entwickeln Selbstvertrauen und soziale Kompetenz. Fachkräfte gewinnen Methoden, die den Alltag strukturieren und sie selbst entlasten.
Kinderyoga bietet für Kindertageseinrichtungen eine praxisnahe Möglichkeit, die ganzheitliche Förderung von Kindern zu unterstützen. Es verbindet Bewegung, Spiel und Entspannung und stärkt damit nicht nur die körperliche und kognitive Entwicklung, sondern auch die sozial-emotionale Kompetenz.
Für pädagogische Fachkräfte bedeutet die Integration von Kinderyoga, neue Handlungsspielräume zu erschließen: Sie gewinnen Methoden, die den Gruppenalltag strukturieren, Ruhe und Konzentration fördern und das Wohlbefinden der Kinder nachhaltig steigern. Gleichzeitig erleben sie selbst Entlastung und neue Impulse für ihre pädagogische Arbeit.
Empfehlenswert ist es, klein zu beginnen – mit einzelnen Mini-Yoga-Momenten – und die Erfahrungen zu beobachten. Um dann Schritt für Schritt ganze Einheiten in den Alltag zu integrieren. So wird Kinderyoga langfristig ein Teil der pädagogischen Konzeption, der Kinder stärkt, Fachkräfte unterstützt und Teams bereichert.
Literatur
- Blair, C. & Diamond, A. (2008): Biological processes in prevention and intervention: The promotion of self-regulation as a means of preventing school failure.Development and Psychopathology, 20(3), 899–911.
- Brandes, B. (2023):Kleine Forscherinnen und Forscher in Bewegung. Rekonstruktion von Erkundungsaktivitäten bei ein- bis dreijährigen Kindern in der Bewegungsbaustelle. Wiesbaden: Springer VS.
- Diamond, A. (2013): Executive functions.Annual Review of Psychology, 64, 135–168.
- Diketmüller, R., Dollinger, B., Gieß-Stüber, P., Kolb, A. & Schierz, M. (2015):Körper und Bewegung in der frühen Bildung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
- Erhorn, J. (2015): Bewegungsräume in Kindertageseinrichtungen gestalten.Frühe Bildung, 4(3), 123–130.
Interessant? – Und nun möchtest du schon einmal wissen, wie ein prägnates Ritual der Kinderyogastunde funktioniert? Dann schau dir diesen Blogbeitrag an und du findest die Anleitung zum Kinderyoga Sonnengruß.
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